Die Entwicklung der Bauernschaft Kray / Leithe zu einer Industriegemeinde

1.Oktober 1908 - Feststimmung in Kray und Leithe. Stolz ist Bürgermeister Ludwig Kohlen. Stolz sind die Beigeordneten Wilhelm Beckmann und August Schulte-Ising. Stolz sind die Gemeinderäte, und die Bürger, zumindest die Konservativen: Das neue Rathaus an der Osterfeldstraße (heute Kamblickweg) ist fertig. In einer Feierstunde wird es der Öffentlichkeit übergeben. Erst zwei Jahre vorher, am 1. Oktober 1906, ist die neue Bürgermeisterei Kray-Leithe entstanden. Nach langem Tauziehen das schon vor der Jahrhundertwende begann, verfügt der Regierungspräsident, die Bürgermeisterei Stoppenberg zu teilen und neue Bürgermeistereien in Kray, Leithe und Rotthausen einzurichten. Monate vorher hat der preußische Innenminister die Gemeinden besichtigt.
Mit dem Bau des neuen großen Rathauses in Kray war wohl auch die Absicht verbunden, ein deutliches Zeichen eigener Leistungskraft zu setzen. Immerhin galt die Gemeinde Kray viele Jahre als eine der reichsten in Preußen. Schon 1857 war die Zeche Bonifacius angelegt worden. 1873 eröffnete der Bahnhof Kray Nord. 1877 entstand das Postamt in Kray.
Im Sog der Industrialisierung und der damit verbundenen Bevölkerungsexplosion folgen weitere Gründungen. Fertigstellungen und Eröffnungen Schlag auf Schlag: 1893 Gründung der Freiwilligen Sanitätzkollone des Roten Kreuzes. 1895 Einweihung der Barbara- Kirche, 1896 Eröffnung des Bahnhofs Kray Süd, 1897 Abteufungsbeginn von Zeche Centrum in Leithe, im gleichen Jahr Inbetriebnahme der Straßenbahnlinie Gelsenkirchen- Rotthausen- Kray- Steele und Abteufungsbeginn von Schacht Katharina. 1903 Fertigstellung der evangelischen Kirche in Kray.
Um die Jahrhundertwende sind Kray und Leithe, beide zusammen hatten 1815 nur 356 Einwohner, nicht wiederzuerkennen. Die einstmals blühende Land- und Forstwirtschaft ist auf die Hälfte zusammengeschrumpft.
Mit den Zechengründungen gehen gehen ein intensiver Straßen und Wohnungsbau einher und die Ansiedlung bedeutender Firmen: 1897 Zement- und Terrazzofabrik Kray (Vereinigte- Steinwerke Kupferdreh- Kray), 1898 Stern- Brauerei AG Kray und Westdeutsches Eisenwerk Kray (später Buderus), 1900 Mechanische Möbelfabrik Hermann Haymann, 1904 Korkstein- und Isoliermittelfabrik Felix Schuh. 1905, ein Jahr vor der Verselbständigung, hat Kray 12878 und Leithe 1107 Einwohner.

Weichenstellung
In der neuen Bürgermeisterei Kray- Leithe werden die Weichen gestellt für eine scheinbar gesicherte Zukunft: 1907 Eigenständigkeit der Krayer Ortskrankenkasse durch Abtrennung von Stoppenberg, im gleichen Jahr Einrichtung des Krayer Wochenmarktes 1909 Gründung der Sparkasse Kray und Einrichtung der Königlichen Polizei in Kray, 1910 Gründung eines zweiten Löschzuges der seit 1901 bestehenden Freiwilligen Feuerwehr Kray, 1911/12 Pflasterung der Krayer Straße (damals Hautstraße), 1912 Anpflanzung von 707 Bäumen, vornehmlich Platanen, an den Straßen, Wegen und Plätzen Krays; Im gleichen Jahr Einrichtung einer Wohnraumvermittlungsstelle im Krayer Rathaus und feierliche Übergabe des Krayer Volksgartens, 1914 Fertigstellung der Krayer Jugendhalle.

Eingemeindungsgerüchte
Trotz (oder wegen dieser bedeutenden Leistungen und Entwicklungen?) wollen die Eingemeindungsgerüchte und- forderungen nicht verstummen. So empfiehlt die Stadt Steele in einer Denkschrift die Vereinigung von Steele, Königsteele, Kray-Leithe und Überruhr. Der Innenminister empfiehlt, den südlichen Teil von Kray und Leithe nach Steele einzugemeinden; später wünschen Rotthausen und Steele, Kray- Leithe unter sich aufzuteilen. Aufgrund starker Proteste der Bevölkerung ( Kray hat 1910 schon 17856 , Leithe 1511 Einwohner ) und unter Würdigung einer Petition des Krayer Gemeinderates beschließt das Preußische Abgeordnetenhaus, die Aufteilungsabsichten nicht weiter zu verfolgen.1921 kommt jedoch die verwaltungsmäßige Vereinigung der Einzelgemeinden Kray und Leithe zu einer Gesamtgemeinde Kray.
1923 wird Bürgermeister Kohlen vom Dienst suspendiert. Nach kommissarischer Wahrnehmung seiner Aufgaben durch Wilhelm Beckmann. Dr. Theodor Ressemann und Wilhelm Schnadt, später auch durch die zeitweilig von der französischen Besatzungsmacht inhaftierten Beigeordneden Nießen und Möller, wird im gleichen Jahr Jacob Weber (Zentrum) besoldeter Beigeordneter und kommissarischer, ab 1925 auch gewählter Bürgermeister von Kray. Die Einwohnerzahl Krays steigt weiter auf 26024 Einwohner im Jahre 1928.

Eingemeindungsgespenst schlägt zu
Bürgermeister Weber hat einen schweren Weg vor sich, den wiederum geht das Einwanderungsgespenst um. Am1.August  1929 schlägt es endgültig zu. Der Landkreis Essen wird mit der Stadt Essen vereinigt. Somit verlieren auch Kray und Steele und viele, bisherige kreisangehörige Gemeinden ihre Selbständigkeit. Dass dazu erforderliche Gesetz findet im Preußischen Landtag mit 209 gegen 167 Stimmen nur eine geringe Mehrheit. Im Krayer Rathaus, bis dahin voller Betriebsamkeit und der Stolz der großen Gemeinde, wird es ruhiger. Alle wichtigen Entscheidungen werden von der Essener Zentrale getroffen. Lediglich ein „Ortsausschuss“, im Eingemeindungsvertrag garantiert, versucht noch, dass Krayer „Fähnlein“ hochzuhalten. Eigene Mittel bzw. Entscheidungskompetenz stehen ihm nicht oder kaum zu Verfügung.

Auszehrung der Verwaltungsdienstleistungen
Das ändert sich weder bis noch nach 1945. Die Ortsausschüsse werden durch Bürgerausschüsse ersetzt; sie werden von den jeweiligen Bezirksamtleitern geleitet. Auch sie, wie auch die seit 1975 gewählte Bezirksvertretung Steele/Kray, können die weitere Auszehrung der Verwaltungsdienstleistungen im Krayer Rathaus nicht verhindern. Heute gibt es davon nur noch ein Minimum: Sozialamt, Allgemeiner Sozialdienst des Jugendamtes, Stadtbücherei, Polizei, einmal im Monat Sitzung der Bezirksvertretung. Kein Standesbeamter mehr, kein Meldeamt, keine Stadtarztstelle, keine Wohnraumvermittlungsstelle, keine Nebenstelle des Arbeitsamtes und, und, und. Einziger Schritt nach vorn und damit ein Lichtblick: Zweimal im Monat finden wieder Trauungen im schönen Krayer Ratssaal statt. Und noch ein Lichtblick: Dieser in Essen einmalige Saal in einem einmaligen Rathaus steht allen Krayer Vereinen für ihre Festivitäten zur Verfügung.

(Aus einer Festschrift vom Krayer Stadtschreiber Hubert Guthoff zum 90.Geburtstag des Krayer Rathauses)
 

1946: Neuer Aufbruch zur Demokratie im Krayer Rathaus

Als das Krayer Rathaus 1946 auf sein 38jähriges Bestehen zurückblickte, blutete Essen aus vielen Wunden. Rund 32440 Essener Bürger galten als Opfer des Krieges. Über 2500 Juden, die in der Stadt lebenden Zigeuner und über 300 andere Bürger waren aus rassischen oder politischen Gründen vom nationalistischen Terrorregime umgebracht worden.

Große Teile der Stadt lagen in Schutt und Asche oder waren vom Krieg gezeichnet. Die insgesamt 15 Großangriffe der alliierten Luftstreitkräfte hatten weite Gebiete in eine Trümmerwüste verwandelt. 184000 Wohnungen, 2044 Industriegebäude (davon 92 Kirchen und 236 Schulen) waren schwer, mittelschwer oder leicht beschädigt. 90% des Geschäftsviertels in der City existierte nicht mehr.

Als am 27.Januar 1946 die politischen Parteien CDU, SPD, Zentrum, KPD und FDP durch die Besatzungsmacht zugelassen wurden, standen vor diesen Parteien schier unlösbare Aufgaben. Zu ihren Mitglieder zählten nicht wenige, die von den Nationalsozialisten nicht zurückgewichen waren und als Verfolgte des Regimes galten.

Am 6.Februar 1946, um 15:30 Uhr, traf sich erstmalig nach dem Kriege eine Stadtverordnetenversammlung zu ihrer konstituierenden Sitzung. Ihre Mitglieder waren allesamt von der Besatzungsmacht ernannt worden.  Da das in der Innenstadt gelegene Rathaus unter den Bomben stark gelitten hatte, wich man hierher, in den Sitzungssaal der Krayer Rathauses, aus. Von den 6 Frauen und 54 Männern, die sich damals in diesem Saal versammelten, bildeten 23 die CDU Fraktion, jeweils 17 die SPD- und KPD-Fraktion, zwei gehörten der Zentrumspartei und einer der FDP an. Sie alle gemeinsam wagten nach dem Ende der nationalsozialistischen Diktatur die ersten Schritte auf dem Wege zu einer demokratischen Selbstverwaltung.

(Auszüge aus einer Rede vom Historiker Dr. Ernst Schmidt im Jahr 1998, dem 90.Geburtstag des Krayer Rathauses)