Gemeinsam für das Wohl der Krayer Rathaus und Kirche wirkten zusammen

Für den Bau des Krayer Rathauses hatte die Gemeindevertretung ein beachtlich großes Stück Land erworben. Es reichte von der heutigen A 40 bis zum alten Friedhof zwischen den beiden Kirchen. Als das Rathaus fertig war, blieben zwischen der geplanten Fortsetzung der Ottostraße und dem Friedhof noch mehrere Parzellen ungenutzt. Der Gemeinderat beschloss darauf hin im November 1906, dieses Land den beiden Kirchengemeinden zum Kauf anzubieten. Als auch der Kreisausschuss diese Absicht genehmigt hatte, bestellte Bürgermeister Kohlen die beiden Pfarrer in sein Amtszimmer, um die Grenze zwischen den künftigen Eigentümern festzulegen. Sie kamen überein, dass eine Verlängerung der Grenzlinie zwischen evangelischen und katholischen Grabstätten auf dem alten Friedhof auch die noch zu bebauenden Grundstücke teilen sollte.
Die katholische Pfarrgemeinde St. Barbara erwarb dabei ein weit größeres Stück Boden und baute zunächst das Schwesternhaus Ottostr. 1, das 1909 eingeweiht wurde. Seit 1989 wohnen inzwischen die Schönstatt-Patres in dem Gebäude, und es befinden sich dort ein Atelier und eine Malschule. Ebenfalls 1909 wurde das Haus Ottostr. 5-7 errichtet, das viele Jahre als Kaplanei gedient hatte.
Die Evangelischen bauten auf dem Eckgrundstück Leither Straße/Ottostraße das Pfarrhaus für den zweiten Pfarrer der Gemeinde. Später kamen das Jugendhaus und Kindergarten Leither Straße 38 hinzu.
Die beiden Kirchengemeinden mussten sich bei diesem Grundstückserwerb verpflichten, einige Auflagen zu erfüllen: Neben der finanziellen Beteiligung am Ausbau der Ottostraße übernahm zum Beispiel die Evangelische Kirchengemeinde „für alle Zeiten die Verpflichtung“, dass das Grundstück dauernd lediglich zu öffentlichen Wohlfahrtseinrichtungen benutzt werden darf. Ferner muss „die beabsichtigte Bebauung eine der Umgebung des Rathauses zur Zierde gereichende Form“ haben und es darf „ein Ausschank geistigerer Getränke“ nicht erfolgen. In der Beurkundung ist verschärfend noch vermerkt: Sollte die Kirchengemeinde die Parzellen einmal veräußern wollen, so müssen die übernommenen Verpflichtungen auf den Rechtsnachfolger übertragen werden.
Damals war das Zusammenwirken von Kirche und kommunaler Verwaltung zum Wohle der in Kray lebenden Menschen bemerkenswert. Während der Rat mit der Anlage des Volksgartens und dem Pflanzen von 707 Straßenbäumen zwei wichtige Entscheidungen für die Gesundheit der Bevölkerung finanzierte, halfen die Kirchengemeinden nach ihren Kräften in der Wohlfahrts- und Armenpflege. In der Bürgermeisterei Kray und Leithe haben die beiden Pfarrer Hermann Beck (Ev. Kirchengemeinde) und Wilhelm Claßen (Kath. Kirchengemeinde St. Barbara) Sitz und Stimme im „Fürsorge-Ausschuss“, und zwar kraft ihres Amtes unbefristet. Sie sind ferner in der „Armenkommission und im Waisenrat“, in der „Friedhofskommission“ und in der „Schulkommission“ ihrer jeweiligen Konfession vertreten. Bürgermeister Ludwig Kohlen und die beiden Pfarrer einte vermutlich das Selbstverständnis, zum Dienst an den Menschen berufen zu sein.

Lothar Albrecht